Montag, 29. März 2010

The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis

Präludium: Als großer Sympathisant der amerikanischen Krachkapelle The Dillinger Escape Plan habe ich mich am Veröffentlichungstag auf die Pilgerreise in den übernächsten Konsumtempel begeben. Es war ein großer Fehler!
Angekommen am Freitag hatte der erste Händler die Scheibe nicht in den Regalen stehen und auch auf Nachfrage konnte man mir kein Exemplar aushändigen. Ok, also den nächsten angesteuert. Leider das gleiche Trauerspiel mit der Option, dass mein heiliger Gral eventuell morgen da sein könnte. Angepisst bin ich abgezogen, um am darauf folgenden Tag früh morgens auf der Matte zu stehen. Natürlich war mein Objekt der Begierde weder bei den Neuerscheinungen zu erblicken, noch in der Metal/Hardcore-Ecke.
In den modernen Musikabspielkästen schnell mal die gesuchte Band eingetippt und erfahren, dass die CD vor Ort ist! Hurra! Außerdem bestand die Möglichkeit, das Album zu hören. Gleich mal auf den ersten Titel "Farewell, Mona Lisa" getippt und mich über die Flutwelle aus atonalen Akkorden gefreut. Hätte ich, wenn nicht eine Frauenstimme durch die Kopfhörer gesagt hätte "Für diesen Titel haben wir keine Audiodatei". Ok, also zur freundlichen Dame hinterm Tresen. "Haben Sie das neue Album der Band "The Dillinger Escape Plan" mit dem Titel "Option Paralysis" vorrätig?" - "Was haben wir?". Ich fange also an zu Buchstabieren "D-I-L-L-I-N-G-E-R" und es scheint zu funktionieren. Nein, doch nicht. "Also, ich habe hier keine neue Veröffentlichung drin." Ich reckte mich bäuchlings über den Tresen und deutete auf den Schriftzug. "Oh, ach die. Moment. Ja, haben wir da. Warten Sie kurz hier, ich geh sie holen. BIRGITT, hast du ...... da? Ne? Gut, ich geh mal hinter."
Nach unglaublich langen 5 Minuten hatte ich das Album dann endlich. Aber irgendwas musste ja noch sein. Was stand da auf dem Preisschild? 19,99€? Was zum Henker...? Vorgestern hat die Scheibe bei Amazon doch grade mal 15,99€ gekostet.
Leute, es kann doch nicht sein, dass der sogenannte stationäre Handel seine Kunden sowas von verprellt. Am Erscheinungstag gibt es die Scheiben nicht und wenn man sie dann endlich erwischt, muss man fast 25% mehr bezahlen?
Ich war mir der katastrophalen Situation des Einzelhandels sehr wohl bewusst und habe deshalb die größte Stadt des Bundeslandes angesteuert, aber mit diesem Ergebnis hätte ich nicht gerechnet.
Nachdem diese Unwägbarkeiten also gemeistern wurden, kommen wir endlich zur CD selbst.
Ein Konzeptalbum, das sich ganz dem Thema Reizüberflutung widmet, der ich mich unter Dauerbeschallung von allen Ecken im Elektromarkt nur schwer erwehren konnte.
Das Konzept der Scheibe geht über die Musik hinaus und überfordert mich schon vor der ersten Note. Das edel aufgemachte Digipack ist eine Art Puzzle, das ich bis heute noch nicht durchschaut habe. Von 4 aufklappbaren und sich wiederum zweigeteilten Pappblätteren, auf deren Innenseite sich die Liedtexte befinden, wird die CD geschützt. Dabei ist das Artwork wunderbar abgestimmt.Wir sehen stilisierte Augen, Ohren, Hände etc., die stellvertretend für unsere Werkzeuge der Reizaufnahme stehen. Schaut man genauer hin, sieht man, dass jedes Bild aus hunderten kleiner Bilder zusammengesetzt ist.
So viel zur tollen Verpackung, aber jetzt Musik:
1. Farewell, Mona Lisa beginnt gemütlich, allerdings wird schon nach 10 Sekunden der Entspannung infernal unser Gehörgang vergewaltigt. Abgehackte Riffs münden in progressive Gitarrenläufe und Sänger Greg Puciato fängt langsam an, seine seichtere Stimme aufzusetzen, bis nach 2 minuten ein zuckersüßer, poppiger Teil ertönt. Traumhaft ruhig und bisweilen richtig schunkelig geht es zu. Der Kraftakt der Balance zwischen Disharmonie und Melodiösität ist gelungen. Toller Song, der zum Abschluss noch mal ordentlich den Knüppel aus dem Sack holt.
Weiter geht es mit dem frickeligen und etwas sperrigen "Good Neighbor". Das Gaspedal wird durchgetreten, aber analog dazu permanent degressiv gebremst. Das klingt eigenartig, aber auch interessant, bis ab der Mitte des Songs ein arschtightes Rockriff auftaucht und den Song bis zum Schluss durchpeitscht. Großartig!
Im dritten Song wird man dann wieder mit etwas Melodie und einem elegischen Refrain belohnt. Sehr episches Stück, das nach hinten raus sehr zwingend wird und aus der Haut fährt. Wow! Hier muss man wieder mal Parallelen zum NIN Meisterhirn Trent Reznor attestieren.
"Crystal Morning" kommt wieder als Brecher daher und knüppelt direkt nach vorne. Ein Song, der sich außerordentlich gut zum wach werden eignen dürfte. Spätestens nach diesem Lied sind die Haarzellen der Basilarmembran umgepustet.
Auch nicht unbedingt schlecht, denn "Endless Endings" prügelt in ähnlicher Weise auf das Trommelfell ein. Da das Opfer noch vom vorherigen Track sediert ist, gibt es sich willenlos den sonoren Gesangslinien hin.
Mit "Widower" wird dann die Chance zur Regeneration gegeben. Wir lauschen einem Piano und der süßen Stimme des vormaligen Schreihalses. Sehr, sehr kitschig, aber schön. Das Schlagzeug setzt ein und startet einen sehr rockorientierten Teil des Songs mit mehrstimmigem Gesang. Über allem thront das Piano. Der Song wirkt irgendwie aufgeräumt und von Ballast entlastet. Aber am Ende kriegen wir doch wieder die Fresse poliert, bevor es episch und semiorchestral wird. Phantastisch!
"Room Full Of Eyes" bietet wenig Griffiges und versucht sich der Erschließung durch den Hörer zu verweigern. Der insgesamt wohl auch anstrengendste Song. Obwohl die völlig disharmonische Spielweise geradezu hypnotische Wirkung verbreitet.
Nach 2 Minuten wird dann auch der Fuß vom Gas genommen und Puciato beginnt mit extrem verstörenden Gesangslinien.
Spätestens jetzt wäre eine Pause angesagt und man muss die Anlage ausschalten. Also schön raus, eine Runde mit dem Skateboard gedreht und wieder zurück.
Euphorisch auf "Play" gedrückt und der Orkan bricht wieder über das Wohnzimmer herein. "I wouldn´t if you didn´t" verlangt wieder alles vom Hörer ab und man möchte im Kreis springen und seine gesamte Wohnungseinrichtung zerschlagen. Aber dann ertönt ein fragiles Pianotönchen und man setzt sich gespannt hin und lauscht dem ruhigen Geschehen.
Zu "Parasitic Twins" kann man sich dann schön auf dem Sofa lang machen und die Augen schließen. Abgefahrene Schlagzeug/Percussion-Einlagen laden zum Träumen ein, aus denen man jäh gerissen wird. Maschinenratternartiges Drumming lässt den Song im Mitteltempo ausklingen.
Zugabe auf dieser limitierten Edition des Albums ist der Bonussong "Heat Deaf Melted Grill".
Interessant mit Streichern, choralem Gesang und elektronischen Beats. Schöne Mischung zum Abschluss.

Das Album vereint die bekannten Stilversatzstücke der vergangen Alben "Miss Machine" und "Ire Works". Klingt allerdings weniger poppig als Zweiteres und noch brachialer als das Erste. Die Instrumentalfraktion spielt technisch anspruchsvoll und Puciato erreicht ebenfalls immer höhere Dimensionen.
Man hat sich vom Hardcore stetig weg bewegt, obwohl die Gitarren auch heute noch nach seligen "Calculating Infinity"-Zeiten klingen.
Ein absolutes Meisteralbum, dessen labyrinthartige Beschaffung sich gelohnt haben.
Wer aufgeschlossen gegenüber verschiedenen Stilrichtungen und wilden Genremixen ist, sollte definitiv ein Ohr riskieren. Die Jungs können zwar sehr anstrengen, aber belohnen auch immer wieder mit sehr griffigen Singalongs.
Außerdem setzen sie sich fast schon gebetsmühlenartig für Tierrechte (u.a. durch Peta) ein.
Mittlerweile sind sie auch nicht mehr bei Relapse Records, sondern beim französischen Label "Season of Mist" angekommen, auf dem sie ihr eigenes Sublabel "Party Smasher Inc" betreiben.
Wenn man auf deren Seite schaut, wird man ganz gierig, die große Box des Albums zu erwerben, was allerdings an blöden Zahlungsmodalitäten scheitert.

Kommentare:

  1. Nöö, definitiv nicht meine Musik. *lach*
    Da geht unser Geschmack total auseinander...aber darüber lässt sich bekanntermaßen streiten.

    AntwortenLöschen
  2. Das glaube ich gerne, und die sind schon ruhiger geworden hehe ;)

    AntwortenLöschen