Samstag, 15. Mai 2010

Fast 80 Jahre Superheldencomics - eine kleine Betrachtung

Ich weiß, viele wird es gar nicht interessieren, allerdings tut man dem Subgenre der Comickunst Unrecht, wenn man es als schlichten Kinderkram abtut. Denn eigentlich haben die Superheldencomics eine wesentlich differenziertere Betrachtung verdient. Dass sie in der Öffentlichkeit keinen hohen Stellenwert haben, beweist, dass die großen Verlage versuchen, ihre Superheldenserie als Graphic Novels zu verkaufen und hoffen, mit der scheinbar seriöseren Betitelung auf mehr Akzeptanz in der Käuferschicht zu treffen.
Wollen wir erstmal mit ein paar gängigen Klischees aufräumen:
1. Superheldencomics sind Kinderkram:
Nein, sind sie nicht! Ich bin doch kein Kind! Nein, im Ernst. Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit den klassischen Helden heute keine Kinder mehr aus der Reserve locken kann. Trotzdem gibt es noch eine Anhängerschaft. Spitzenverkäufe von 200‘000 pro Heft beweisen das.
2. Superheldencomics haben eine, was die Moral betrifft, schwarz-weiß gefärbte Bipolarität.
Nicht mehr, früher traf dies sicherlich zu. Damals waren die Heldengeschichten unglaublich naiv. Die Zeiten haben sich allerdings geändert und so trifft man heute in den Comics wesentlich differenziertere Charaktere und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten an. Marvel Comics hat es jüngst mit der Reihe Dark Reign bewiesen und DC Comics macht ihnen dieses aktuell mit Brightest Day nach.
3. In Superhelden fliegen doch nur muskelbepackte Supermänner in Spandexhosen rum.
Die gibt es auch heute noch, allerdings hat sich das Kostümdesign doch etwas zum Besseren geändert. Insgesamt kann man festhalten, dass die Protagonisten in der heutigen Zeit wesentlich 3-dimensionaler entworfen werden und auch mit ganz alltäglichen Situationen zu kämpfen haben. Der Fokus wird dieser Tage viel stärker auf zwischenmenschliche Konflikte, Versagensängste oder politische Konflikte gelegt. Auch wird in den Comics selbst nicht mehr so stark moralisiert und das richtige Verhalten stilisiert. Es ist keine Seltenheit mehr, dass Helden zu Anti-Helden werden und vormals antizipierte Erwartungshaltungen ignoriert und über den Haufen geworfen werden.
Allerdings muss man, und das darf man persönlich sehen wie man will, den Comics hoch anrechnen, dass sie sich der allerorten zu vernehmenden Verrohung der Sprache enthalten. Das hängt auch vor allem mit dem 1954 beschlossenen Comics Code zusammen. Zwar gibt es immer noch viele Serien, die versuchen durch diese Niveaulosigkeit bei vor allem jüngeren Menschen zu punkten, sie sind aber bei weitem in der Unterzahl.
Nachdem wir nun ein wenig mit den Vorurteilen aufgeräumt haben, kommen wir nun zur Geschichte der Superheldencomics.
Geboren wurde der erste beliebte Superheld im "golden age" der Comiczeit, Superman. Unter dem Label Action Comics veröffentlichte man die Supermanserie, während der von Bob Kane erschaffene Batman unter dem Banner der Detective Comics firmierte.
Außerdem erschuf man noch viele weitere Figuren wie Wonder Woman, Flash, Green Lantern oder Hawkman.
Im "silver age" (Mitte der 50er) reaktivierte man einige alte Helden und orientierte sich mehr an der seinerzeit populären Science Fiction. Das Comic boomte erneut. Der Markt versprach Gewinn und so stieg der zweite, auch heute noch große, Comicverlag Marvel ins Geschäft ein. Mit Serien wie X-Men, Fantastic 4 oder Spiderman brachte Marvel ebenfalls ganz frischen Wind in das Genre.
Das "bronze age" brach Anfang der 80er Jahre an und Marvel grenzte sich mit seinen dystopischen Szenarien und der allgemein düster gehalteneren Welt zunehmend von DC Comics ab.
Zu dieser Zeit entstand auch das legendäre Watchman Comic von Alan Moore, welches eine absolute Sternstunde des Superheldencomics markiert, weil es so unkonventionell und ehrlich war.
Spulen wir in der Zeit ein wenig vor und zwar bis Anfang/Mitte der 90er Jahre. Hier traf ich zum ersten Mal auf Comics und saugte so gut wie alles auf, was ich in die Finger kriegen konnte. Der Dino Verlag produzierte eine ganze Weile DC Superheldencomics und so las ich fleißig fast alle Serien.
In besonderer Erinnerung ist mir dabei das riesige Crossover von Marvel und DC geblieben (als Crossover werden "Events" bezeichnet, in denen Superhelden aus unterschiedlichen Serien bzw. Verlagen aufeinander treffen). Die beiden größten Verlage taten sich zuammen und erschufen das Amalgamuniversum, in dem z.B. Wolverine mit Batman verschmolzen oder Green Lantern und Iron Man.
Schleichend verringerte sich allerdings meine Lust, Comics zu lesen. Erst Ende der 90er/ Anfang 2000 mit der Entdeckung des Internets und der unendlichen Fülle an Informationen, erfuhr ich, dass der Dino Verlag die Superheldencomics eingestellt und mittlerweile der italienische Aufkleberriese Panini die Veröffentlichung übernommen hatte.
Das ist heute immer noch so, allerdings bin ich seit einiger Zeit dazu übergegangen, die original Comics aus den US of A zu beziehen. Das ist vor allem deshalb toll, weil der Kurs noch ganz günstig ist (obwohl es seit einigen Monaten immer teurer wird) und es einfach ein Genuss ist, die Hefte im Original zu lesen.
Um das ganze noch abzurunden, werde ich nun ein paar Begriffe, die immer wieder auftauchen, erläutern.
Was sind eigentlich Trades (manchmal aus TPB)? Simpler als man denkt, gemeint sind damit Trade Paperbacks. Diese enthalten meistens 4-6-teilige Heftserie. Vor allem bei erwachsenen Lesern ist diese Form immer beliebter geworden, da sie zum einen weniger Platz weg nimmt und es wesentlich angenehmer ist, eine Serie in einem Rutsch zu lesen.
One Shots: dabei handelt es sich meistens um Abenteuer eines Charakters, die entweder nicht zum Kanon der Figur gehören oder einfach nur aus der eigentlichen Story losgelöste Geschichten.
Run - ein Run oder auch Lauf bezeichnet den Umstand, wenn ein Autor eine Serie über einen längeren Zeitraum betreut und eine große Handlung entwirft.
Tie in: Mittlerweile hat es sich bei den großen Verlagen ritualisiert, dass alle paar Jahre (aber auch häufiger) große Events stattfinden, die sämtliche Helden des Verlages betreffen. Neben einer meist eigenen Serie werden in den regulären Heldenserie die Auswirkungen des Großereignisses vertieft. Hefte, die Fäden dieser Stories aufnehmen, nennt man daher Tie-ins.
Story Arc - Geschichten-Bogen, legt daher schon nahe, dass es sich um eine mehrere Hefte umspannende größere Geschichte handelt.
Ongoin - als Ongoing wird eine Serie bezeichnet, die in regelmäßigen Abständen auf unabsehbare Zeit veröffentlicht wird. Oft auch synomym mit "monthly", der monatlich erscheinenden Serie benutzt.
Es ist mittlerweile allerdings schwieriger und einfacher zugleich geworden, in die Materie einzutauchen. Zum einen nimmt es ganz klar an Komplexität zu, aber durch oft aufgegriffene Origins (also die Entstehungsgeschichte eines Charaters) oder Reboots (wenn diese Geschichte des Charakters neu gestartet wird) kommt man leicht rein. Als regelmäßiger und aufmerksamer Leser wird man dann auch häufig belohnt. Im Prinzip ähnelt es sogar Fernsehserien, wie Lost, was ausgefuchste Twists (Wendungen innerhalb einer Geschichte) und Durchdachtheit anbelangt.
Als Einstieg würde ich die aktuelle Serie von Green Lantern empfehlen. Im ersten Trade "Rebirth" wird die Geschichte neu definiert und die folgenden Bände sind sowohl zeichnerisch als auch storytechnisch absolut erste Sahne.
Die Geschichte mündet in die Blackest Night und Brightest Day Events, auf die ich mich persönlich schon wie ein kleines Kind freue. Ja, in diesem Event werden tatsächlich DC Superhelden als Zombies wieder auferstehen OLÈ!
Außerdem ist die Justice Society of America ebenfalls zu empfehlen. In ihr finden wir viele oldschool Helden aus dem golden age, wie Alan Scott als Green Lantern etc.

Mittlerweile gibt es da aber auch schon gut 17 Trades. Abschließend kann man sagen, dass ich zumindest subjektiv das Gefühl habe, dass sich die Superheldencomics seit 2005 doch qualitativ unglaublich verbessert haben. Das mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass man heute immer weniger Kinder Comics lesen und sich die Leserschaft primär aus Erwachsenen rekrutiert. Das ist allerdings nur eine unverifizierte Vermutung von mir. Dass Superhelden auch immer beliebter durch imposante Kinofilme werden, macht auch irgendwie Hoffnung. Allerdings fällt dem Comicleser immer wieder auf, wie unglaublich oberflächlich die meisten Geschichten erzählt werden. Das war zwar früher auch schon so, aber die alten Hefte haben immer noch ihren Charme. Die nostalgischen Cover sprudeln nur so vor Zeitgeist und die Geschichten lesen sich wie aus einer anderen Welt. Man bekommt sie mittlerweile auch recht günstig in schönen Hardcoverbänden gesammelt. Es besteht also die Chance, nicht nur aktuelle und hochpolierte Serien zu lesen, sondern auch die etwas angestaubten, aber nicht minder großartigen, Klassiker zu genießen.
Hm, irgendwie ist diese kurze Abhandlung im Kern dann doch recht nerdig geworden, aber nichtsdestotrotz sollte man mal in die aktuellen Hefte reingelesen haben.

Kommentare:

  1. Ein schöner Kommentar zu den Superheldencomics. Ich bin 39Jahre alt und lese auch heute gerne noch die alten Superhelden Comics von DC. Da stört es mich auch nicht das viele diese Comics als Schund oder Kinderkram abstempeln. Vor allem haben es mir die Comics aus den Anfängen der Superhelden angetan. Ob Supi oder Batsi oder die Justice League of America. Sehr zu empfehlen sind da natürlich die aber leider schon eingestellten Hardcover vom Dino und später von Panini Verlag herausgebrachten ARCHIV EDITION wo die ersten Abenteuer der Helden abgedruckt wurden in schöner Qualität. Wer des englischen Mächtig ist greift natürlich auf die US-Ausgaben zurück, da ist die Auswahl natürlich größer.

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  2. Hey, danke für den Kommentar!
    Da muss ich aber absolut zustimmen. Die alten Sachen haben es mir auch angetan. Ich beschäftige mich ja hier generell eher mit sehr antiquierten Dingen hier im Blog.
    Den DC Archiv Band 1 habe ich damals auch noch gekauft und werd mir wohl die restlich 13 (oder waren es 14?) ebenfalls besorgen.
    Allein die Story mit Starro war großartig!

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