Freitag, 7. Mai 2010

Horrorschocker, Gratis Comic Tag und der Comic als solcher

Weil es thematisch so gut zum morgen anlaufenden Gratis Comic Tag passt, den niemand verpassen sollte, möchte ich kurz eine viel zu unbekannte Comicserie aus Deutschland vorstellen.
Neben schmuddeligen Sex- und actionreichen Dinosauriergeschichten, veröffentlicht der Weissblech Verlag, der vom Künstler Levin Kurio in Personalunion geführt wird, die von mir sehr geschätzten Horrorschocker.
Die reichlich überzogenen und oft herrlich plakativ wirkenden Titel lassen das Herz eines jeden Horrortrashfans in die Höhe springen. Schaut man jedoch genauer hin, bemerkt man, dass der Inhalt keineswegs so trivial daher kommt, wie vormals vermutet. Die Geschichten werden bisweilen regelrecht existenzphilosophisch.
Nichtsdestotrotz merkt man sehr schnell, wer Pate für die Serie gestanden hat: die legendären Horrorcomics aus den 50er Jahren "Tales From The Crypt", "The Haunt Of Fear" und natürlich "The Vault Of Horror". Anders als damals in Amerika haben die Comics jedoch keinen starken Gegenwind durch die Gesellschaft. Niemand glaubt heute noch ernsthaft daran oder sieht gar eine Bedrohung darin, wenn Kinder Comics lesen. Allerdings beschränkt sich die Popularität der Horrorschocker im wesentlichen auf eine sehr limitierte Fangemeinde, obschon die gesellschaftlichen Bedingungen heutzutage insgesamt sehr viel positiver sind als noch vor 50 Jahren. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Comics in der heutigen Zeit eher als Kinderkram belächelt und abgestempelt werden. Dass dies nicht so ist, beweisen großartige graphische Novellen wie "Jenseits" von Vehlmann und Kerascoët, aber auch "Kleiner Vogel Rot" von Christopher Bünte und Veronika Mischitz.
Die Semantik macht allerdings schon deutlich, dass es ganz offensichtlich ein Imageproblem gibt. Im Englischen wird ganz selbstverständlich der Terminus "Comic Book" benutzt. Den "Book"-Zusatz findet man hierzulande schon gar nicht mehr und impliziert damit indirekt, dass eine gewisse Qualität dem Medium von Anfang an abgesprochen wird. Aber das muss genauso wenig sein, wie sich der Arbeiter als "kleiner Mann" bezeichnen muss. Mit der "Graphic Novel" oder "Graphischen Novelle" (eigentlich graphischer Roman) versucht man diesen Umstand zu umgehen, obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass dies überhaupt nicht notwendig ist. Leider klaffen aber zwischen normativem Anspruch und der Realität tiefe Löcher.
Denn wenn man die Thematik etwas intensiver betrachtet, dann wird man schnell feststellen, dass das Comicbuch das evolutionäre Bindeglied zwischen den Medien Film und Roman ist. Anders als in Romanen ist der Künstler in seiner sprachlichen Ausdrucksform limitiert, gewinnt aber durch die Zeichnungen eine Vielzahl neuer Möglichkeiten und Stilmittel. Selbst in der Literaturwissenschaft werden Comics ob ihrer einzigartigen Ausdrucksformen als absolut normaler Untersuchungsgegenstand betrachtet. Warum man in der zugeknöpften Wissenschaft viel weiter ist als in der aufgeklärten pluralistischen Gesellschaft, bleibt mir ein Rätsel. Dass momentan so viele Comicverfilmungen den Weg in die Kinos finden, kommt auch nicht von ungefähr. Mittlerweile hat man die technischen Möglichkeiten erreicht, um klassische Comicgeschichten adäquat auf der großen Leinwand umzusetzen.
War es vorher nur im Comicbuch möglich, sich kreativ grenzenlos auszutoben, macht die Computeranimation es heute technisch und finanziell für den Film möglich. Wobei im strengen Sinn eigentlich nur Comicstilmittel in den Film transferiert werden. Denn was sind Computeranimationen denn anderes als digitalisierte gezeichnete Bilder?
Um es kurz zu sagen: Comics sind kultureller Bestandteil unserer Gesellschaft und sollten deshalb auch eine viel größere Beachtung finden.
Wir haben also bemerkt, dass Comics generell unterrepräsentiert sind und es vergleichsweise schwer haben, sich durchzusetzen. Das ist schon schlimm genug, nur nehmen von den wahrgenommenen Comics ausländische Veröffentlichungen, vor allem aus den USA oder Frankreich, dann auch noch einen großen Teil ein.
Nicht, dass diese schlecht wären, im Gegenteil, aber dadurch wird leider das Potential, das es gerade im deutschen Comic gibt, überschattet. Großartige Kollaborationen von vielen Künstlern wie die Projekte Panik Elektro oder Jazam beweisen, wie viele gute Geschichtenschreiber und -zeichner es da draußen gibt.
Dass die Horrorschocker nun schon seit 6 Jahren in regelmäßigen Abständen erscheinen, ist bereits eine beachtliche Leistung für sich und spricht nicht zuletzt auch für ihre Qualität bzw. den Idealismus, mit dem der Verleger gesegnet ist. Durch die unterschiedlichsten Zeichner und Geschichtenschreiber wird eine Fülle an heterogenen Geschichten und Bildern geboten. Wem schaurige Gruselstories also runter gehen wie Öl, sollte auf jeden Fall mal ein paar Exemplare bei Weissblech antesten.
Aber auch der Zwerchfell Verlag beglückt uns regelmäßig mit tollen deutschen Independentproduktionen.
Unter anderem brachte man den sehr unkonventionellen, aber nicht minder genialen, Kosmopoliten von Sascha Thau heraus, aber auch das lovecrafteske "Xoth" von Anna-Maria Jung.
Der Reprodukt Verlag oder Beatcomix haben ebenfalls einige ambitionierte Veröffentlichungen zu bieten und man bemerkt, dass sich deutsche Veröffentlichungen keineswegs vor internationalen verstecken müssen.
Umso schöner ist es, dass sich die deutschen Verlage zusammengeschlossen haben und den ersten Gratis Comic Tag ins Leben gerufen haben.

30 Comics liegen ab morgen in allen teilnehmenden Comicshops aus. Da sind wirklich sehr vielsprechende Sachen dabei. Außerdem kann es doch ganz spannend sein, einfach mal einen Streifzug durch den lokalen Comicladen zu machen. Morgen fällt es auch gar nicht auf, wenn ihr da rumströmert, da es bei vielen noch zahlreiche Veranstaltungen wie Zeichenkurse oder Signierstunden gibt! Wenn ihr jetzt also ein bisschen Lust auf Comics bekommen habt und ich euer Aktivierungspotential etwas erhöhen konnte, schaut doch einfach mal vorbei. Es kostet ja nix.
Was für Comics es gibt und wo ihr sie herbekommt, erfahrt ihr auf der offiziellen Internetseite des Events.
Ich freue mich auf morgen und einen Sack voll Gratiscomics und hoffe inständig, den ein oder anderen etwas angefixt zu haben.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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