Mittwoch, 30. Juni 2010

Il Gatto a nove code (Die neunschwänzige Katze - 1971)

Kein geringerer als Dario Argento führte bei diesem Kollaborationsfilm zwischen den Nationen Italien, Frankreich und Deutschland Regie. Und das tut er äußerst überzeugend, obwohl "Il gatto a nove code" eines seiner Frühwerke darstellt.
Den Stoff für die Verfilmung steuerte Bryan Edgar Wallace bei. Wer? Der Edgar Wallace? Frosch mit der Maske, Die toten Augen von London, Der Mönch mit der Peitsche? Nee, bzw. jein, Edgar Wallace hatte nämlich einen Sohn, Bryan, der sich ebenfalls als Kriminalschriftsteller betätigte. Allerdings unterschied sich sein Stil wesentlich von dem des Vaters. Während Senior bekanntlich waschechte Kriminalromane und "who done it"‘s verfasste, begnügte sich der Junior vor allem mit Spionage- und Verschwörungsgeschichten. Demzufolge hat er eigentlich eher wenig mit dem vorliegenden Film zu tun. Allerdings angetrieben durch den Edgar Wallace Boom der Rialto Filme, bediente man sich gern des Namens und strickte zusätzlich eine Krimistory. Some kind of Etikettenschwindel. (Sollte ich wieder mehr Zeit finden, werde ich mir wenigstens die ersten 16 Edgar Wallace Streifen in Besprechungsform zur Brust nehmen, freut euch drauf!).
Die Geschichte dreht sich um einen blinden, ehemaligen Journalisten (gespielt vom großartigen und leider letztes Jahr verstorbenen Karl Malden), der ein kleines Mädchen aufgenommen hat, und einen Mord, der sich in ihrem Umfeld ereignet. Ihnen zur Seite steht ein ambitionierter und idealistischer Schreiberling, da sich die Polizei wesentlich unkooperativer zeigt.
Der Killer schlägt zunächst einen Pförtner bewusstlos (im Klappentext wird ihm leider fälscherlicherweise unterstellt, er sei gänzlich tot) und stößt im Anschluss einen Wissenschaftler vor einen Zug. Dieser arbeitete an einem geheimen Projekt, welches sich mit dem Nachweis über die Existenz eines Killergens beschäftigte. Die Geschichte ist relativ komplex und bietet eine sehr ausgereifte Entwicklung. Trotzdem gibt es ein paar Längen, aber auch gerade in der letzten Viertelstunde sehr viel Spannung.
Was den Film jedoch so außergewöhnlich macht, ist die Egoperspektive, aus denen die Morde bzw. das Vorgehen des Killers, dem Zuschauer präsentiert werden. Permanent durchbrochen von schnell hineingeschnittenen Direktaufnahmen vom Auge des Killers. Und das wirkt verdammt irre und wild!
Außerdem gibt es mal wieder grenzwertige Sprüche über Homosexuelle. Der Schwule ist in diesem Fall ein Deutscher (blonder Hüne), der auf den Namen "Herr Braun" hört und dem Schreiberling schöne Augen macht. Wir werden sogar in ein Etablissement geführt, in dem es nur so vor 70er Jahre Transsexuellen wimmelt. Mutig! In dem Club hat dann auch noch ein bekanntes Gesicht einen kurzen Auftritt. Der Österreicher Werner Pochath aus "La Ragazza del vagone letto" (1980) spielt Manuel, den eifersüchtigen Freund von Herrn Braun.
Ein paar Schenkelklopferszenen gibt es also neben der ansonsten ernsten Handlung auch noch. Als Bonus bekommen wir dann noch einen tiefen Einblick in die sozialen Schemata italienischer Erwachsener.
Sie lacht laut, so dass Er zu Ihr geht. Sie gibt sich streit- und angriffslustig und fordert Ihn indirekt zum Duell. Dies vollzieht sich dergestalt, dass Sie sich zusammen mit Ihm Seinen Boliden schnappt und mit völlig unanständigem Tempo durch die Straßen heizt (verfolgt durch die Polizei). Das war sozusagen das Vorspiel.
Später besucht Sie Ihn, sie halten ein kurzes Palaver ab, bevor beide beschließen, miteinander Sex zu haben und Sie noch vor dem ersten Kuss Ihre Hüllen fallen lässt.
Wer hätte von aufgeklärten Italienern denn auch nur irgendwas anderes erwartet?
Es wird jedenfalls noch ziemlich spannend und das Ende ist für den Zuschauer dann auch sehr befriedigend, nachdem er doch sehr arg auf die Folter gespannt und mit einer Unerhörtheit konfrontiert wurde.
Insgesamt kommt der Film weniger bunt rüber, als z.B. "Sei donne per l‘assassino" (1964).
Außerdem sind es diesmal nicht die Frauen, die dran glauben müssen, sondern das vermeintlich starke Geschlecht.
Die DVD Veröffentlichung von Starlight Film in der Deluxe Special Edition ist vorbildlich. Auf 2 DVDs werden unterschiedliche Fassungen angeboten. Zum einen die längere Originalfassung und die deutsche Kinofassung. Zu Ersterer gab es kein vollständig synchronisiertes Ausgangsmaterial, so dass an einigen Stellen englischer Ton aus den Boxen kommt oder nur mittelmäßige VHS Bildqualität wiedergegeben wird (aber das nur ganz selten). Schade ist allerdings, dass das Bild eine gewisse Bewegungsunschärfe aufweist und daher bei hohem Tempo konturlos erscheint.
Die Edition kommt glücklicherweise im schmucken Digipack, welches in einem edlen Schuber steckt, daher. So, wie sich das auch gehört!
Ach ja, es gibt wieder sehr obskure Tapetenmuster (oder hat dort ein Baby mit Hochdruck Erbsensuppe erbrochen?). Man, die 70er...die müssen echt ne Gaudi gewesen sein!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen