Mittwoch, 9. Juni 2010

Kurzgeschichte eines Lesers - Die Madenmenschen

Vor einige Tagen erreichte mich eine Mail mit einer interessanten und sehr trashigen Kurzgeschichte. Der Absender mit dem Pseudonym "Flogwang" bat mich lediglich um meine Expertise und wies mich an, strikte Diskretion zu wahren.
Hier also die kleine Geschichte:

Tom Berger war ein extravaganter Single. Mit 25 hatte er bereits seine erste Millionen auf dem Bankkonto. Dank eines einzigen Traumes.

Im Februar 1952 um 4 Uhr wachte er in seiner spartanisch eingerichteten 1-Raum-Wohnung auf. Der bizarre Traum, der im wesentlichen aus einem kleinen blauen Werkzeug bestand, dessen Name ihm nicht mehr einfallen wollte, war ihm im Gegensatz zu sonst noch wage in Erinnerung. Er ging in die Küche, die gleichzeitig auch Schlaf- und Wohnzimmer war, macht den verchromten Kühlschrank, der einzige Luxus, den er sich gönnte, auf, schnappte sich die abgestandene Milch und versuchte, sich an den Namen zu erinnern. Er schlurfte in seinen abgenutzten Pantoffeln an die breite Fensterfront, die Blick auf einen Innenhof voller Wildwuchs und Müll bot und nahm einen Schluck aus dem Milchkarton. Er hatte das Leben satt, keinen Antrieb mehr, sich jeden Morgen aufs Neue der ignoranten Bevölkerung auszusetzen. Sie freundlich an der schäbigen Tankstelle zu bedienen, an der er angestellt war. Er wollte raus aus diesem Loch. „DULLMETTI“, der Name war ihm wieder gegenwärtig. Das kleine blaue Werkzeug hatte den Namen Dullmetti. In ihm waren mehrere Messer, sowie Kneifzangen, Dosenöffnen und andere nützliche Utensilien untergebracht. Tom beschloss, eine Skizze anzufertigen, machte ein paar Stichpunkte und legte sich wieder auf seine Couch. Am nächsten Morgen beschloss er, seinen alten Schulfreund Werner aufzusuchen. Der war handwerklich ganz gut unterwegs und könnte ihm vielleicht weiterhelfen. Er ließ Werner mit der Zeichnung, den Notizen und seinen Instruktionen allein und machte sich auf den Weg zum Patentamt. Zum Glück war es nur 3 Häuserblocks entfernt.

Die Dame am Empfang sah Tom pikiert an. Okay, er hatte noch nicht geduscht, seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, weil er es nicht abwarten konnte, Werner zu besuchen und ihm von seiner Idee zu berichten. Er war anfänglich von den Anmeldemodalitäten etwas überfordert, aber als ihm die Sachbearbeiterin zur Hilfe kam, klappte alles wie am Schnürchen und nach 10 Formularen und 20 Minuten, war er stolzer Besitzer eines Patentes.

Nach 2 Monaten fertigte Werner einen Prototypen an und Tom pilgerte damit zu ehemaligen Bekannten, die es weiter gebracht hatten als er und nun in Anzug und Krawatte in feinen Hochhäusern residierten. Seine Idee fand wenig Anklang und so sah er sich gezwungen, die eigenen Ersparnisse für das Projekt zu opfern. Was hatte er schon zu verlieren? Einen Chromkühlschrank, der aussah wie ein Ford Taunus? Tom setzte alles auf eine Karte.

Nachdem er ungefähr 100 Exemplare der Dullmetti Taschenmesser bekam, machte er sich mit einem Karton auf den Weg in die Innenstadt, um die Produkte an den Mann zu bringen. Anfänglich stellte er sich etwas ungeschickt an und er verkaufte am ersten Tag kein einziges Teil. Nach 2 Tagen stellte sich jedoch eine gewisse Routine ein und er konnte einer älteren Dame ein Taschenmesser aufschwatzen. Ja, man konnte fast sagen, dass es ihm Spaß machte.

Nach 2 Wochen hatte er fast die Hälfte seiner Messer verkauft und spielte mit dem Gedanken, neue nachproduzieren zu lassen. Allerdings hatte er irgendwie das Gefühl, heute etwas länger in der Fußgängerzone verharren zu müssen. Es war kurz nach 18Uhr und dämmerte bereits. Aus einer Seitenstraße trat ein dunkel gekleideter Mann mit einer Aktentasche hervor und kam auf ihn zu. Tom durchfuhr ein kalter Schauer, als der Unbekannte sich näherte. Er sprach Tom mit einem sehr starken Akzent an. Tom, der bei weitem nicht rumgekommen war mit seinen 25 Jahren, konnte den Dialekt der Schweiz zuordnen. Der Schweizer stellte seinen Aktenkoffer ab, sah sich das Taschenmesser an, drehte es mit seinen langen, dünnen Fingern, öffnete eine Klinge und ließ sie plötzlich auf Tom zuschnellen. Kurz vor seiner Jacke hielt er inne und begann zu lachen. „Nur ein kleiner Spaß, ich hoffe, ich habe Sie nicht sehr verschreckt. Eine sehr interessante Gerätschaft haben sie da im Angebot. Was kostet denn ein Exemplar, wenn ich fragen darf?“ Tom verkündete kleinlaut den Preis. „20 Mark? Ein Schnäppchen, wenn sie mich fragen. Sind Sie hier der einzige, der diese praktischen Gerätschaften anbietet?“ Tom antwortete: „Ja, es hört sich vielleicht verrückt an, aber mir kam die Idee von diesem Utensil im Schlaf. Ich hatte wohl irgendeine tiefere Eingebung und habe mir die Idee auch direkt patentieren lassen.“ Der Schweizer schwieg eine Weile, dann sprach er: „So, so. Hören Sie, junger Mann, ich mache Ihnen ein Angebot. Ich habe, nun ja, sagen wir, sehr solide Beziehungen zu einer gewissen Person und würde Ihnen die Geschäftsidee für 5 Millionen Mark abkaufen.“ Tom stand völlig ungläubig vor dem Unbekannten. Ihm war die Situation nicht ganz geheuer. „Fünf...Millionen? Sind Sie sicher? Ich hoffe, Sie erlauben sich keinen Scherz mit mir Herr...wie war noch gleich Ihr Name, ich muss ihn überhört haben.“ „Nein, nein. Sie erinnern sich nicht an meinen Namen, weil ich ihn noch nicht nannte. Ich heiße Martin Weng und ich meine es todernst. Ihre Idee gefällt mir sehr gut. Was sagen Sie nun dazu?“ Tom erwiderte: „Selbstverständlich, aber wie soll das vonstatten gehen?“ Der Fremde sprach: „Nun, ganz einfach. Sie überschreiben mir ihre Patenturkunde, geben mir ihre restlichen Messer, die Fertigungsunterlagen und ich überlasse ihnen diesen Koffer mit dem Geld. Hier an Ort und Stelle.“ „Entschuldigen Sie, aber ich habe die Urkunde nicht bei mir. Ich müsste zuerst zu mir nach Hause, um sie zu holen.“ Der Schweizer wurde ungeduldig. „Wie dem auch sei, folgen Sie mir. Mein Wagen parkt um die Ecke, ich kann sie schnell zu sich nach Hause fahren.“

Beide stiegen in den edlen schwarz glänzenden Wagen und fuhren zu Toms 1-Raum-Wohnung. Tom sprintete die Treppenstufen hoch, schnappte sich die Papiere und händigte sie dem mysteriösen Schweizer samt Klappmesser aus. Der Schweizer überließ ihm den Koffer, stieg wortlos in den Wagen und fuhr davon. Tom dachte, er hätte beim Abfahren des Wagens eine Lache gehört, doch seine Sinne hatten ihm wohl einen Streich gespielt. Seit 10 Stunden hatte er in der Fußgängerzone gestanden, seine Knochen waren müde und sein Geist schwach. So richtig hatte er noch gar nicht erfasst, welches Glück ihm gerade zu Teil wurde. Er drehte sich um und verließ die schummrig beleuchtete Straße.

Tom hatte es geschafft, das Geld versteuerte er brav und legte es, auf Anraten eines Freundes, in Wertpapieren an. Die folgenden Jahre genoss er, schmiss etliche Feiern in seiner neuen Behausung und lebte ein Leben, das er sich schon immer erträumt hatte. Vom Schweizer hörte er nie wieder was. Nur von seiner Idee. Die Messer wurden nun überall rot mit einem weißen Kreuz als Schweizer Armee Taschenmesser verkauft. Tom störte das nicht weiter. Er hätte nicht die nötigen Mittel aufbringen können, sich eine anständige Distribution zu leisten. Als er auf die 50 zuging, bemerkte er, wie seine Potenz unter dem ständigen Genuss von Champagner und Kokain litt. Ein schleichender Prozess der Entmannung setzte ein und er geriet schon bald, wegen der vielen Romanzen, die er innerhalb einer Woche zu haben pflegte, in Panik. Bis er von einer Wunderpille erfuhr. Klein, blau und potenzfördernd. Schon bald gehörten die Probleme der Vergangenheit an und er konnte sich erneut mit seinen 20jährigen Liebschaften vergnügen. Allerdings hatten die Pillen zur Folge, dass sein rechter Fuß anfing, sich blau zu verfärben und zu nässen. In einer verhängnisvollen Nacht im November 1985 erlitt Tom während eines Schäferstündchens mit einer vollbusigen und schmalgeistigen Blondine einen Herzinfarkt.

Da er keine weiteren Verwandten hatte, wurde er schnell unter die Erde gebracht. Zu seiner Beerdigung erschien lediglich Werner, zu dem er über die Jahre regelmäßigen Kontakt pflegte und eine handvoll junger Frauen. In derselben Nacht der Beerdigung passierte im Erdreich etwas sehr Seltsames. Tom wachte auf und schlug wie ein Wilder gegen die Innenwand des Sarges. Er schrie sich die Seele aus dem Leib. Der Deckel des Sarges gab nach und 1,82 Meter Erdlast ergossen sich über den bebenden Körper. Tom starb ein zweites Mal. Im Moment seines Todes entleerte er sich sämtlicher Körperflüssigkeiten. Sein Gemächt bäumte sich ein letztes Mal auf und ejakulierte, ob der doppelten Viagra Dosierung, postmortal. Maden hatten bereits Kurs auf seinen verfaulenden rechten Fuß genommen und bahnten sich ihren Weg durch die spermadurchtränkte Erde. Plötzlich stieß ein Blitz bis tief ins Grab und aus der samenüberzogenen Made entwuchs ein Geschwülst. Ein heftiger Regenfall setzte ein, die Erde wurde mit jeder Minute feuchter. Dann pulsierte sie und ein 3 Meter langer weißer Wurm mit scharfen Zähnen, aber ohne Augen oder Extremitäten trat hervor.

Der erste MADENMENSCH der Welt ward geboren.

Lieber Flogwang, ich hoffe du bist mir nicht böse und beglückst uns schon bald mit der Fortsetzung!

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