Sonntag, 27. Juni 2010

Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (Schön, Nackt und Liebestoll - 1972)

Es ist wieder Zeit für einen Italothriller, es ist wieder Zeit für einen Giallo!
Und, wie sollte es auch anders sein, stammt er aus der grandiosen Italian Genre Cinema Collection vom Filmliebhaberlabel Camera Obscura!
Im Gegensatz zum letzten Besprechungsexemplar ("Horror-Sex im Nachtexpress") ist dieses Meisterwerk auch als solches für jederman leicht erkennbar. Von Schund und unfreiwilliger Komik kann hier keine Rede sein. Dieses kann man allerhöchstens der zu Beginn sehr amüsant anmutenden Deutschsynchronisation attestieren. Was sich vor allem in den kernigen Sprüchen des Homosexuellen auf dem Polizeirevier manifestiert. Kleine Kostprobe gefällig? "Ich steh‘ einfach nich‘ auf Weiber und hab‘ seit meiner Entbindung keine Titte mehr angefasst." oder "Ich bin der Meinung, alle Menschen auf der Welt sollten Brüder werden und zwar warme."
Wie Herr Keßler den Inhalt so vortrefflich im am Weltfrauentag aufgenommenen Audiokommentar mit Marcus Stiglegger zusammenfasst, geht es um schöne Frauen, um schöne und nackte Frauen...um schöne, nackte und sexualisiert - liebestolle Frauen.
Dieser Kategorisierung eilt sogleich ein normatives Weltbild nach, dem sich der Killer mit Leib und Seele verschreibt. Der dunkel mit Hut, Maske und Handschuhen bekleidete selbsternannte Justiziar der Monogamie, hat es sich zum Lebensziel gemacht, Frauen, die ihre Männer betrügen, zu bestrafen.
Weil ihm keine angemessenere Strafe als der Tod einfällt, versucht er diesen möglichst kunstvoll und poetisch zu verpacken. Er hat also eine chronologisch einstudierte Abfolge von Messerstichen, die seine Opfer zu Quasikunstwerken seines krankhaften Gerechtigkeitstriebes werden lassen. Als Markenzeichen hinterlässt er bei seinen Opfern Fotografien, auf denen das Opfer selbst beim Akt des Betrugs zu sehen ist. Allerdings sind die Köpfe der Männer ausgeschnitten. Seiner eigenen Zunft gegenüber verhält er sich also sehr diskret. Man könnte fast von einer Doppelmoral sprechen, wenn nicht sogar Heuchelei!
Der Stoff ist also im hohen Maße schockierend, polarisierend und erzkonservativ! Genau genommen haben wir es hier mit einer Art Blaupause für die klassischen Slasher der späten 70er und frühen 80er Jahre amerikanischer Schule zu tun.
Die Morde werden dementsprechend explizit dargestellt, damit sich der Zuschauer der brenzligen Lage auch bewusst ist und die dargebotene Ernsthaftigkeit verinnerlicht. Man darf sich also auf eine geballte Ladung nackter Haut gefasst machen, was aber nie wirklich billig wirkt. Die Frauen bewegen sich anmutig und selbstbewusst. Ja, man möchte fast denken, dass den Taten des Killers eine gewisse restriktive und prophylaktisch werteetablierende Komponente inne wohnt. Das Bild der Frau darf sich unter gar keinen Umständen ändern!
Erstaunlicherweise setzt man uns auch relativ viele Morde vor. Normalerweise beschränkt man sich ja auf den Eingangsmord, dann einen zweiten und eventuell noch einen Abschlussmord, bei dem die Szenerie aufgelöst wird.
Der Film steigert sich bis zu einem mörderischen Katz und Maus - Spiel zwischen Killer und Kommissar. Dabei wendet der Streifen alle Kunstkniffe der Narration an und präsentiert uns die nervenaufreibende Geschichte in wunderschönen Bildern. Exemplarisch sei die großartige Szene angeführt, in der das vermeindliche Opfer im Bademantel vor einem beschlagenen Spiegel steht und der Killer plötzlich aus ihrer Silhouette hervor tritt, um zur Tat zu schreiten. Unglaublich atmosphärisch!
Von kunstvoll ausgeleuchteten, geschmacklos eingerichteten Wohnzimmern mit unfassbar hässlichen Stehlampen, bis hin zu harmonischen Szenenbildern mit 2 Schwänen in einem Swimmingpool, die subtil die Botschaft der Monogamie unterstreichen, ist alles dabei.
Ja, wenn man diese Achterbahnfahrt durchlitten hat, weiß man, was uns der Autor sagen will. Liebe Hausfrauen der 70er Jahre, vögelt euch nicht durch die Weltgeschichte!
Kritiker mögen diesem Machwerk eine gewisse Eindimensionalität unterstellen, da das Gezeigte für Männer konzipiert wurde und somit die eigentliche Moral invertiert. Dabei sollte man aber dennoch bedenken, dass wir uns hier in den wilden 70er Jahren befinden, in denen sich Rollenbilder noch stark verkrustet bzw. traditionell zeigten und erst langsam anfingen, sich zu emanzipieren. "Schön, nackt und liebestoll" ist also durchaus als innerer Kampf mit der Moderne und der ihr immanenten Novitäten interpretierbar.
Aber genau das macht ihn gleichzeitig so ungewöhnlich untrivial. Auch wenn man es auf den ersten Blick gar nicht erkennen mag, schwingt dieser hintergründige Konflikt mit jedem Mord mit. Der Akt als solcher ist nicht nur cineastisches Unterhaltungsmittel, sondern integraler Bestandteil und Transportmittel der Geschichte.
Ich selbst bin immer noch schwer beeindruckt und ziehe meinen Hut vor Regisseur Roberto Bianchi Montero. Der Film bietet jede Minute Spannung und kann diese auch über die gesamte Länge aufrecht erhalten. Bei einer Spieldauer von über 96 Minuten eine beachtliche Leistung!
Umso erfreulicher, dass dieses Meisterwerk eine angemessene Veröffentlichung bekam. Die Detailverliebtheit von Camera Obscura ist einfach sensationell! Wie immer wurde auch bei dieser Perle versucht, das Bestmögliche heraus zu holen. Deshalb sind 2 Szenen nur mit italienischem Ton und eine kurze Sequenz etwas verrauscht. Die restliche Zeit ist das Bild nahezu gestochen scharf. Bravo!
Des Weiteren gibt es tolle Extras und die edle Aufmachung im Digipack mit Schuber.
Bevor ich aber weiter schwärme: Kaufbefehl! Das hier ist die Quintessenz eines intelligenten italienischen Thrillers!
Wen ich jetzt noch immer nicht überzeugen konnte, dem sei gesagt, dass keine einzige Frau in diesem Film einen BH trägt und es wirklich bezaubernde Tapetenmuster zu bestaunen gibt. Ach ja, der Soundtrack passt ebenfalls perfekt zum Film. Episch und majestätisch!

Kommentare:

  1. > Wen ich jetzt noch immer nicht überzeugen konnte, dem sei gesagt, dass keine einzige Frau in diesem Film einen BH trägt und es wirklich bezaubernde Tapetenmuster zu bestaunen gibt.

    .....

    deine argumente sind unschlagbar :) wenn der film nicht bereits an mich unterwegs gewesen wäre... jetzt wäre er´s.

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  2. Ich bin schon sehr auf dein Urteil als Filmveteran gespannt :)
    Die Jugend ist jedenfalls verzückt!

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  3. Zum Thema Soundtrack:

    http://doyouspeakenglishradio.blogspot.com/2010/06/dj-no-breakfast-giallo-di-notte.html

    Ad astra ;-)

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  4. Haha, sind das Franzosen?
    Schöne Sachen dabei!!! Besten Dank!

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