Mittwoch, 9. Juni 2010

Sei donne per l'assassino (Blutige Seide - 1964)

Blutige Seide gilt als einer der ersten Giallo-Filme. Giallo (Plural Gialli), was ist das? Menschen, die des Italienischen mächtig sind, werden sofort mit Inbrunst schreien "GELB!". Korrekt. Giallo ist das italienische Wort für gelb. Was hat die Farbe gelb nun mit diesem Film zu tun? Als Laie kann man lediglich die knalligen Farben, unter denen sich auch das grelle Gelb befindet, anführen. Taucht man dann etwas tiefer in die Materie ein, findet man heraus, dass frühere italienische Kriminalliteratur im Heftchenformat mit gelben Umschlägen veröffentlicht wurde. Allerdings galt diese Form der Literatur in den 30er bis 60er Jahren, aber auch darüber hinaus, als Schund.
Wir haben es also im weitesten Sinne mit einem Kriminalfilm, der auch aus der Feder von Edgar Wallace hätte stammen können, zu tun. Der Killer bringt auf blutrünstige Weise Frauen aus einem Modesalon um. Hier haben wir dann auch schon das zweite Merkmal eines Giallos. Die Morde stehen im Mittelpunkt und werden für die Zeit entsprechend explizit und gewalttätig dargestellt (how done it?). Aber im Gegensatz zu normalen Kriminalfilmen ist nicht die Frage nach dem Mörder die wichtigste (who done it?), sondern eher das Motiv (why done it?). So ist es auch in diesem Film der Fall. Obwohl der Mörder eine ziemlich coole Rorschachmaske trägt, wird das Geheimnis um seine Identität relativ früh gelüftet.
Dabei führt uns der Film durch nebelverquollene Wälder, finstere Herrenanwesen und gotische Kellergewölbe. Der Filmfreund mit Neigung zu gespenstischen Drehorten kommt also visuell vollends auf seine Kosten. Die schönen bunten Farben konstrastieren dann auch noch die Szenen und erzeugen so wunderbar individuelle Stimmungen durch die Farbkompositionen und Schattenspiele.
Im Gegensatz zu der sehr kalt wirkenden Optik von z.B. "Der Frosch mit der Maske" (1959), spielt Meisterregisseur Mario Bava mit der weichen Farbgebung. Überhaupt fällt bei "Sei donne per l‘assassino" auf, wie großartig die Narration des Mediums Film genutzt wird. Allein schon das phantastische Intro mit den stillstehenden Schauspielern nebst Modellpuppen oder die Kamerafahrt durch das abreißende Schild im Eingangsportal, beeindrucken den Zuschauer von Anfang an.
Ja, es dürfte sicherlich nicht vermessen sein, diesen italienischen Film als absolutes Meisterwerk und Wegbereiter zu sehen. Vielleicht mag man hier auf der Suche nach dem Ursprung des Slasherfilms einen Anfangspunkt markieren können. Auf die Handlung möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht weiter eingehen, da der Film trotz aller optischer Opulenz durch sie zu überzeugen weiß.
Anders als bei späteren Gialli, bei denen die Handlung auf das Nötigste reduziert und sich fast ausschließlich auf den Akt der Gewalt konzentriert wird.
Mario Bava beweist mit "Sei donne per l‘assassino" sein Gespür für tolle Optik und hinterlegt einen zum Teil sogar sozialkritischen Beitrag im Regal der Meisterwerke.
Der Film darf auf gar keinen Fall in einer Filmsammlung fehlen und ich peste mich selbst, dass ich diese Perle erst jetzt entdeckt habe. Denn es existiert eine pornöse Luxusedition von Anolis in Kollabortion mit dem geheimnisvollen Filmclub Buio Omega. Die Standardversion hat jedoch auch ein sehr gutes Bild, allerdings fehlen alle Extras, wie der Audiokommentar von Kessler und Zion, sowie geschnittene Szenen und das Interview mit Carlo Rusticelli.
Wer mir 200€ schenken möchte, darf dies gerne zweckgebunden für die seidenumzogene Luxus Edition tun!
Sehr beeindruckt und in tiefer Demut stelle ich das Meisterwerk dann auch wieder zurück ins Regal und sage "Adieu, bis zum nächsten Mal"!
Wer sich weiter zum Thema Giallo belesen möchte, dem sei die Eurocult-Liebhaber-Lounge Dirty Pictures empfohlen!

Kommentare:

  1. Cooler Bericht! Wieder was gelernt!!!

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  2. Ich hab' mir auch gleich sofort und ohne Zögern damals die Samtschuberedition besorgt. Die war zwar schweineteuer, aber die edle Aufmachung und die schönen Extras haben vieles davon wettgemacht. Und über den Film muß man ja eh keine Worte verlieren, ist eben schlicht ein Meisterwerk. Diese Kamera und diese Farbspielerei - genial ! Einfach eine Freude, da zuzusehen !

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