Dienstag, 2. November 2010

Hörspielherbst - Professor Van Dusen (Folgenreich), Sherlock Holmes & Co (Romantruhe)

Schon mal ein Hörspiel aus den 70ern gehört? Nein? Ich auch nicht. Jedenfalls bis vor kurzem. Da fiel mir nämlich die neue Hörspielreihe "Professor Dr. Dr. Dr. Augustus Van Dusen - Die Denkmaschine" in die Hände. Allerdings ist diese Serie gar nicht mehr so neu. Genau genommen entstand sie zwischen den Jahren 1978 und 1999, ist damit also schon relativ alt und bringt es auf stolze 77 Hörspiele. Ursprünglich als Radiohörspiel von RIAS (später Deutschlandradio) produziert, bekommt die Reihe nun nach langen Rechteverhandlungen eine CD-Veröffentlichung bei Folgenreich. Vorerst erscheinen allerdings nur vier Fälle des Professors.
Erdacht wurde die Hauptfigur vom amerikanischen Schriftsteller mit dem sehr unamerikanischen Namen Jacques Futrelle. Allerdings ereilte ihn ein sehr bedauernswertes Schicksal, als er 1912 ein Luxusschiff betrat, welches später mit einem Eisberg kollidierte.
Michael Koser, Krimifan und für den Hörfunk tätig, hob die Hörspielreihe aus der Taufe und nachdem ihm die literarischen Vorlagen für die Radiohörspiele ausgingen, erfand er kurzerhand eigene Geschichten.
Diese spielen in der Zeit der Jahrhundertwende vom 19. ins 20., als Straßen noch aus Kopfsteinpflaster waren und von Droschken befahren wurden, man noch zu verschiedenen Personen drahtete und die Nachrichtenzeitung noch zweimal am Tag erschien.
Allerdings ermittelt Van Dusen nicht wie sein britischer Kollege Holmes in London, sondern in New York, wo er an einer Universität als sprichwörtlicher Universalgelehrter wirkt und nach Belieben interessante Fälle aufklärt.
Von diesen hat er nun 4 Stück auf CD zu bewältigen. Da wird eine Unze Radium auf mysteriöse Weise gestohlen, ein Gefängnisausbruch geplant, ein Mord in einem Hotel aufgeklärt oder einem unbekannten Mann bei der Gedächtnissuche geholfen.
Die Hörspiele erzeugen durch die weit zurück liegende Epoche - kombiniert mit dem frühen Entstehungsdatum der Hörspiele - eine wunderbar altmodische Atmosphäre. In der Tat lassen sich die Fälle zu den sogenannten "cozy" Krimis zählen, wie etwa die des Sir Arthur Conan Doyle, Anne Perry oder Agatha Christie. Alles ist sehr heimelich und entspannt.
Die Hörspiele sind sehr gut umgesetzt worden, zumal sie für die CD-Veröffentlichung noch einmal remastert wurden. Allerdings sind die ersten beiden Fälle doch recht kurz gehalten. Wobei der Erste insgesamt noch recht unspektakulär und simpel daher kommt. Wer also wirklich ausgefuchste Rätsel, wie die eines Arthur Conan Doyle gewöhnt ist, sollte zumindest bei dem ersten Hörspiel mit etwas herunter geschraubten Erwartungen an die Sache gehen. Allerdings wird schon bei den Hörspielen 3 und 4 klar, dass die Laufzeit länger und die Fälle komplexer werden. Für die geringe Spielzeit der ersten beiden Hörspiele entschädigt jedoch das Bonusmaterial, das bei allen CDs an Board ist. Autor Michael Koser und Regisseur Rainer Clute berichten aus den Anfängen der Serie. Genau so etwas braucht es in Hörspielen. Nicht nur das reine Hörspiel, sondern Zusatzmaterial, das Hintergründe erklärt. Von daher ist auch die Bookletgestaltung sehr löblich. Hier werden dem Hörspielhörenden kleine Essays geboten. Sehr gut.
Die Verkaufszahlen der ersten 4 Teile sollen dann auch den Ausschlag für weitere Hörspiele geben. Von daher wäre es wünschenswert, wenn dieses mir bisher unbekannte Radiohörspiel aus den 70ern einen ordentlichen Verkaufsstart hinlegen würde, damit man auch noch in den Genuss von weiteren Fällen kommen darf. Für mehr Informationen lohnt sich ein Blick auf die Fan- bzw. die offizielle Internetpräsenz des Doktors.

Kommen wir nun zu einer wirklich neuen Hörspielreihe aus dem Hause Romantruhe, das uns regelmäßig mit den grandiosen Geister-Schockern, die mittlerweile die Jubiläumsfolge 10 überschritten haben, versorgt.
"Sherlock Holmes & Co" heißt sie und wurde an anderer Stelle in diesem Blog bereits vorgestellt. Nun habe ich endlich die erste Nummer "Das Geisterhaus" erhalten und mit Freude gehört.
Die Stimmen von Dr. Watson und Sherlock sind die selben, wie es auch bei dem aktuellen Kinofilm mit Robert Downey Jr. und Jude Law der Fall ist. Zu dem neuen Kinofilm kann man unterschiedlicher Meinung sein, mit dem Hörspiel hat es nur sehr bedingt zu tun. Denn das hält sich erfreulicherweise sehr genau an die Romanvorlage von Sir Arthur Conan Doyle. Zwar ist es schon etwas länger her, dass ich die Bücher vom Meisterdetektiv verschlang, aber die schicksalhafte Begegnung von Holmes und Watson ist mir noch sehr genau im Gedächtnis geblieben. Ausgehend von der Vorlage wird jedoch, was die Geschichte betrifft, variiert. Nicht "Eine Studie in Scharlachrot" wird der erste Fall der beiden, sondern der Gutsherr Harold Stern, in dessen Anwesen es bisweilen zu spuken scheint. Die Geschichte stammt vom neuseeländischen Schriftsteller James A. Brett und wurde von Markus Winter bearbeitet und umgesetzt.
Technisch und auch von den Sprecherleistungen her ein wirklich großartiges Hörspiel, das eine uneingeschränkte Empfehlung verdient. Dichte Atmosphäre, die in etwa so vorstellbar ist, als schlendere man nach Mitternacht durch die kopfsteingepflasterten Straßen von London Hammersmith, während der Nebel dick durch die Straßen wabert und nur der Schein der Gaslaternen schemenhafte Umrisse von anderen Spaziergängern offenbart.
Mit 72 Minuten gibt es zudem eine ordentliche Spielzeit und die von Romantruhe gewohnte liebevolle Gestaltung des Booklets mit Essays zu Holmesromanen und -medien, sowie dem Autor und den Sprechern.
Außerdem wird auch die Denkmaschine Van Dusen mit neuen Geschichten erscheinen, sowie Lord Percy. Bei der Romantruhe heißt Van Dusen jedoch aus rechtlichen Gründen Thinking Machine. Das stört allerdings nicht weiter. Auch sind die beiden Hörspielreihen keine Konkurrenz, zumindest aus meiner Sicht. Sie ergänzen sich sinnvoll und sind für den Hörspielfreund eine willkommene Ergänzung!

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