Donnerstag, 25. November 2010

Morte sospetta di una Minorenne (Suspected Death Of A Minor - 1975)

Die Tage werden kürzer, das Wetter draußen ungemütlicher, also steht der zwanglosen Filmbeschau nichts mehr im Weg. Wir bleiben in Italien.
Die Nummer eins der Italian Genre Cinema Collection, damals noch von sazuma veröffentlicht, dieser Tage an Camera Obscura übergeben, soll es heute sein.
"Morte Sospetta Di Una Minorenne" (1975) ist ein bunter Strauß aus vielen Genres des italienischen Kinofilms. So haben wir unter anderem Versatzstücke des Poliziesco, aber auch des Giallos und eine Prise Komödie.
Auf dem Drehstuhl saß der gialli-erprobte Sergio Martino, der auch für großartige Streifen wie "I corpi presentano tracce di violenza carnale" (1973) oder "Lo strano vizio della Signora Wardh" (1971) verantwortlich war.
Der Film kommt allerdings ganz ohne deutsche Synchronisation aus, da er OmU (Original mit Untertitel) veröffentlicht wurde. Macht aber nix.
In der Anfangssequenz sehen wir eine hübsche, rotgelockte junge Dame, die offensichtlich versetzt wurde, gefolgt von einer tanzenden Menge Rentnern. Die sehr lebendig gedrehte Szene wirkt trotzdem reichlich bizarr (vielleicht liegt das auch an der Frau mit der hellblauen Perrücke?). Die junge Dame ist übrigens eine Prostituierte!
Sie bekommt einen Zettel zugesteckt und bemerkt einen finsteren Burschen jenseits der Tanzmeute mit lässig verspiegelter Sonnenbrille, schmeißt sich schutzsuchend dem erstbesten Mann mittleren Alters an den Hals und tanzt mit ihm eine Runde. Während die Haartolle ihres neuen Begleiters (Claudio Cassinelli) penetrant im Gesichtsfeld rumbaumelt, schleicht sich der zwielichtige Geselle wenig elegant, aber dafür stark rauchend und die Leute vollquarzend, durch die Menge.
Tja, wie soll es anders sein, der Killer schlägt zu, es beginnt eine Hatz, die in einer eindrucksvollen und expliziten Tötungsszene gipfelt. Hier kommen die eingangs erwähnten Giallozüge zum tragen, auch wenn sie verhältnismäßig rar gesät sind.
Besonders die Aufnahme des Killers nach getaner Arbeit, als er sich von seinem Opfer entfernt und in die völlige Dunkelheit taucht, ist klasse. Überhaupt wird in dem Streifen sehr viel mit Schatten und Ausleuchtung gearbeitet.
And there are mustaches everywhere!
Außerdem gibt es etliche Schlägereien (unser Protagonist wird von einer fülligen Dame mit einer Handtasche verkloppt), verruchte Prostituierte, geschmackvolle italienische Inneneinrichtungen (großartige Tapeten!) und akrobatische Verfolgungsjagden.
Claudio Cassinelli, zunächst ebenfalls zwielichtig, entpuppt sich OBACHT SPOILER selbst als ein ermittelnder Mann des Gesetzes. Im Laufe des Films bekommt sein Schießeisen viel Arbeit und am Ende wird er vor eine bedeutende Entscheidung gestellt, für die er extra in die schöne Schweiz reist.
Höhepunkte des Films sind zweifelsohne die raffinierten Mordszenen aus der Gialloecke. Aber auch die rasanten Verfolgungsjagden, die dem Zuschauer mit Slapstickeinlagen versüßt werden, zaubern ein Schmunzeln auf das Gesicht. Unser cooler Bulle bekommt einen humorigen Assistenten an die Seite gestellt, der während er mit seinem Chef in einer alten Ente (das Auto) durch die Straßen flüchtet, auf die Verfolger mit den Türen des maroden Autos wirft. Es ist ganz genauso bizarr, wie es sich anhört. Die Stunteinlagen am Rande dieser turbulenten Jagd unterstreichen dabei den Wahnwitz, der dem italienischen Kino so eigen ist.
Martino rekurriert in einer Szene sogar direkt auf sich selbst. Er lässt seine Protagonisten in einem Kino einen Film von sich höchstpersönlich schauen.
Das Ganze endet dann mit einer wilden Verfolgungsjagd auf dem Dach des Kinos, welches sich plötzlich öffnet und Cassinelli in eine zumindest unbequeme Situation versetzt. Nein, so etwas habe ich bisher noch nie gesehen. Ein Kino mit Schiebedach. Wahnsinn!
Eine weitere Szene darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Eine Gruppe sündenaffiner Geschäftsleute sitzt in einer Sauna. Auf den leicht adipösen Herren links vorn im Bild sollte besonders geachtet werden. Dieser reibt sich fast schon genüsslich seine Speckbrüste und kellt mit seinen Pfoten schön unter die stinkigen Achseln. Meine Güte. Was hat er sich dabei nur gedacht? Der nette Herr aus dem Film hier drunter (mit der Gummipuppe und dem Messer) hat übrigens auch einen kleinen Auftritt in "Morte Sospetta Di Una Minorenne".
Wenn das allein noch nicht überzeugt, dann habe ich nun das ultimative Argument: Audiokommentar mit Sir Christian Keßler und Mister Robert Zion. Es ist ein Fest!
Die beiden präsentieren ihr Fachwissen im Bereich des italienischen Genrefilms, lassen eine Zote nach der anderen vom Stapel, analysieren tiefenpsychologisch die Szenerie und erteilen dem Zuhörer eine Unterrichtsstunde in Sachen italienischer Geschichte.
Ich habe schreiend auf dem Boden gelegen, als Herr Keßler gegen Mitte des Films auf einen taubenschissgroßen Schmutzklumpen verweist, der, warum auch immer, im Gesicht einer unmittelbar getöteten Person landet. Herrlich.
Selbst wenn der Film nicht einmal ansatzweise so gut wäre, wie er nunmal ist, rechtfertigte der exzellente Audiokommentar einen Kauf vorbehaltlos.
Veredelt wird die Veröffentlichung durch die distinguierte Verpackung (Digipack mit Schuber, Booklet mit Essay von Christian Keßler) und einem sehenswerten ca. 26 minütigen Interview mit Regisseur Sergio Martino.
Eine klasse Veröffentlichung, die man sich noch schnell unter den Nagel reißen sollte, bevor es sie nicht mehr gibt.

Kommentare:

  1. Sehe gerade diesen Film und finde ihn richtig gut. Danke für die Beschreibung.

    Sören, Bremen

    AntwortenLöschen
  2. Kein Problem!
    Der Streifen ist definitiv ein Unikat! :)

    AntwortenLöschen