Freitag, 1. Juli 2011

Anita - ur en tonårsflickas dagbok (Das Schwedenmädchen Anita - 1973)

"Jag ville också bara knulla". Eine Frau ein Wort. Und welche Frau? Die bezaubernde Christina Lindberg! Schmuddelkram aus Schweden. "Anita - ur en tonårsflickas dagbok" (1973) gehört zu den Filmen, die Daniel Ekeroth als schwedischen Sensationsmovie subsumiert und in dem gleichnamigen Buch vorstellt und beleuchtet.
Nach der Lektüre war ich natürlich neugierig, was sich hinter dieser mir fremden skandinavischen Filmwelt verbirgt, daher war es eine phantastische Fügung des Schicksals, dass das Label "Candybox" einen Schinken aus diesem bizarren Kosmos dieser Tage veröffentlicht hat.
Die kleine Hartbox in handschmeichelnder Lederoptik stellt schon klar, worauf man sich in den nächsten 91 Minuten einstellen kann: "Kein Film für Pastorentöchter"! 
Dabei wäre es falsch, wenn man den Streifen nur auf die Anzüglichkeiten und Nuditäten beschränken würde, die zum Glück nicht besonders explizit sind. Eigentlich spiegeln die Sexszenen eher eine zugeknöpfte und prüde Gesellschaft wider. Vielmehr wird hier ein schlimmes Sozialdrama gesponnen, das sich um die junge, schwedische Antia dreht. Von den Eltern regelrecht verachtet und vernachlässigt, versucht sie, ihren Kummer in bedeutungslosem Sex mit Fremden zu etränken. 
Als Schwester eines besonders begabten Mädels,wird sie permanent für ihre miesen Leistungen traktiert. Am Küchentisch wird sie direkt ins Kreuzvehör genommen und gefragt, ob sie wisse, wer Rommel (der Wüstenfuchs) sei und ähnlich triviale Dinge. 
Die Milieustudie lässt sie durch Zufall auf einen Psychologiestudenten treffen, der sich ihrer annimmt , dem sie episodenhaft ihre Rückschläge und Eindrücke schildert und langsam Vertrauen aufbaut.
Man erhält dabei Einblicke in ein zeitgenössisches Schweden, das noch friedlich und unberührt war. Dinge wie die Buchpreisbindung wurden grade erst gekippt, Lyriker wie Lars Norén blühten auf, bevor sie sich dem Drama zuwandten und schlimme Staatstraumata wie der Palmemord lagen noch in weiter Ferne. Doch auch dieses unschuldige Schweden wartet mit zahlreichen Abgründen auf, angefangen bei fieser Mode bis hin zur tragischen Geschichte von Anita.
Die flaniert durch die Stadt, ohne erkennbares Ziel, nur um sich den Nächstbesten zu schnappen und mit ihm in einer dunklen Ecke zu verschwinden.
Ihre sexuellen Abenteuer sind im Endeffekt nach innen gerichteter Selbsthass. Christina Lindberg spielt die Rolle der gebrochenen und verletzten Anita extrem überzeugend. Wenn ihr ausdrucksloser Blick in die Ferne wandert,  erkennt man ansatzweise die Leere, die das Innere der Figur erfüllt.
Wer hier einen wilden Sexfilm erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Zwar spielt Erotik eine Hauptrolle, allerdings ist diese doch stark zurückgenommen, vor allem, wenn man heutige Maßstäbe anlegt. 
Den eigentlichen Charme versprühen die vielen Außenaufnahmen, in Clubs, Kaufhäusern, auf der Straße oder in den Bahnhöfen. Als Kontrastprogramm zum Stripschuppen geht es auch schonmal mit der Musikantengruppe raus ins Grüne. Dazu stimmungsvolle 70er-Musik und bunt tapezierte Räume. Kuriose Situationen, wie die, in der 2 ältere Damen an der Tür lauschen und einen furchtbar bescheuerten Dialog halten oder direkt darauf folgend, der geile Tischler, der erfahren hat, dass Anita nicht besondere Sorgfalt bei der Auswahl ihrer Sexualpartner an den Tag legt und sich postwendend auf den Weg in ihr Gemach macht, sorgen für etliche Schmunzler. Dass alle, vor allem die älteren Säcke, auf sie anspringen (wir erinnern uns, sie spielt eine Minderjährige, auch wenn sie zum Zeitpunkt des Drehs bereits 23 Jahre alt war), macht den Film noch viel brisanter und lässt zugleich ein verkommenes Weltbild der schwedischen Gesellschaft zurück.
Die Erzählweise, als Quasireportage, in der Anita dem Psychologiestudenten von ihren Abenteuern erzählt, war in den 70ern relativ verbreitet und passt sehr gut zum Streifen. 
Schön ist auch, dass die schwedische Originalfassung enthalten ist und man so den Film in Schwedisch genießen kann, wahlweise mit deutschen Untertiteln.
Insgesamt ist "Anita - ur en tonårsflickas dagbok" ein netter, kurzweiliger Film von der Halbinsel, der neben nackter Haut auch viel nachdenkliche Aspekte auftischt und uns eine spannende Geschichte erzählt. 
Die Veröffentlichung macht Spaß, da der Film nicht langweilig wird und die deutsche Kinosynchronisation wieder einige Knallersprüche am Start hat. Laufstreifen und kleinere Verschmutzungen sind ebenfalls, wie es sich für einen Streifen aus dieser Zeit gehört, vorhanden und tragen zur nötigen Nostalgieatmosphäre bei. Ansonsten ist das Bild wirklich gelungen!
Als Bonusmaterial befinden sich der Trailer und eine umfangreiche Bildergalerie auf der Scheibe.
Kann man sich wieder anschauen, allein wegen Christina Lindberg und vor allem, weil die Fassung remastert wurde und skandinavische Nischenfilme viel zu selten eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Hoffen wir, dass sich das bald ändert! 
Im Gegensatz zu den Amerikanern bemüht man sich nämlich tatsächlich, einen sozialkritischen Kontext aufzubauen und verschiedene Szenen zu liefern, die nachvollziehbar sind und eine echte Charakterentwicklung betreiben.
Zwar ist man von Arthouse noch weit entfernt, dafür aber kurzweilig viel unterhaltsamer. Klare Empfehlung!

Kommentare:

  1. Wenn dir der Film gefallen hat solltest du auch auf jeden Fall mal folgende(n) sichten:

    Jag är nyfiken - en film i gult (Schweden 1967)
    Jag är nyfiken - en film i blått (Schweden 1968)

    Sind beide als Doppel-DVD von Legend in der "Kino Kontrovers"-Reihe in guter Qualität mit üppigem Bonusmaterial und schönem Booklet unter dem Titel "Ich bin neugierig gelb/Ich bin neugierig blau" erschienen.

    Erwarten kannst du hier: Genausoviel Sex und Sozialkritik dafür aber ein bisschen mehr Arthouse.
    Auch zu genießen als ein sehr schönes Zeitdokument des damaligen Schwedens. Ein äußerst wichtiger (Skandal-)Film fürs Land und ein guter weiterer Schritt um das skandinavische Kino zu erschließen.

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  2. Howdy Plasmo!
    Besten Dank für den Input! Aus der Reihe habe ich auch ein paar Streifen, allerdings war mir nie bewusst, dass das ein schwedischer war. Jetzt macht das natürlich Sinn!
    Dann werde ich das gute Teil mal nachträglich in meine Sammlung aufnehmen!
    Skandinavisches Kino war und ist ja immer etwas ganz Besonderes!

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