Montag, 1. August 2011

Mondo Candido (ITA - 1975)

Hurra, ich vermelde: die Heimat hat mich zurück, ich habe wieder Platz im Bunker genommen und als ich den Hausflur betrat, erblickte mich ein unscheinbarer gelber Umschlag, in dem sich die neueste Veröffentlichung aus dem Hause Camera Obscura befand: "Mondo Candido" (1975). Grundsätzlich hält sich meine Begeisterung über Filme, deren Zugang sich dem Betrachter nur schrittweise erschließt, in Grenzen. Dieses italienische Filmchen, das in seiner deutschen Veröffentlichung den Zusatz "Blutiges Märchen" trägt, stellt da keine Ausnahme dar. Aber als aufgeschlossener Freund des Lichtspieles und dem Wissen, dass das Label Camera Obscura stets ein ausgesprochen gutes Händchen bei der Auswahl seiner Veröffentlichungen bewiesen hat, erstand ich bereitwillig die, wie in der Italien Genre Cinema Collection gewohnt, vorzüglich aufbereitete deutsche DVD-Veröffentlichung dieses bizarren Märchenfilms. Da der Film regelrecht zum ausufernden Geschwalle über Bedeutung und Sinnhaftigkeit einlädt, möchte ich den geneigten Leser auch direkt vorweg warnen, dass diese Besprechung ausführlicher werden könnte, aber ich versuche, mich kurz zu halten.
Der Stoff, dem der Streifen zu Grunde liegt, hat schon einige Jahre auf dem Buckel.
Voltaires Werk "Candide oder der Optimismus", ein satirischer Gegenentwurf zur leibnizschen Aufassung von der "besten aller möglichen Welten", wird vom Regieduo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi sehr vorlagennah umgesetzt und durch surrealistische Farbkleckse überhöht.
Darin wird der Held Candide, weil er sich gütlich an der Baronentochter Cunigunde tat, aus dem paradiesgleichen Leben der Hofgesellschaft ausgeschlossen und fortan auf eine bizarre und aufklärerische Reise durch eine ihm fremde Welt geschickt, in dessen Verlauf sich sein bisher vom Sophisten Dr. Panglos gelehrtes Weltbild auf den Kopf stellt.
Die Bildgewalt und szenische Umsetzung von "Mondo Candido" ist auf einen wirren wie wachen Geist gleichermaßen zurückzuführen. Die kleinen und großen Ideen, die über die gesamte Länge des Films präsentiert werden, wirken wie Splitter eines Scherbenhaufens, sodass sich das Gesamtkonzept, wenn es denn überhaupt eines gibt, für den klaren Verstand gar nicht erfassen lässt. Auf den ersten Blick erschlägt einen diese Fülle an Elementen, an absurden Kostümen oder kryptischen Dialogen, aber dennoch laden sie zum Verweilen ein und fordern vom Zuschauer zwangsläufig eine weitere Betrachtung des Films ein.
Nachdem Candide aus dem Paradies verstoßen wird, befindet er sich beispielsweise bei einer Armee, die ihm Konzepte wie Krieg, Kampf und körperliche Gewalt vermittelt. In der Darstellung geschieht dies recht blutig, durch die obskuren Kostüme und Rituale werden die grausamen Handlungen jedoch derart überzeichnet, dass die Bilder fast in das Komödiantische abzudriften drohen. 
Tatsächlich wird durch diese Überhöhung über den Optimismus gespottet und das naive Denken verhöhnt. In einer Szene wird der Spott ganz besonders deutlich. So soll Candide den Freitod von schneeweißen Kalksinterterrassen aus im Engelskostüm wählen, da es sich lohne, für das Ideal zu sterben, denn das Sterben ist unnötig und Unnötiges sei das Beste und Schönste in der bestmöglichen aller Welten.
Jacopetti und Prosperi gehen, auch wenn es zunächst verworren erscheint, sehr scharfsinnig an das Unterfangen, konfrontieren den Zuschauer mit Gegensätzen, Anachronismen, konstruieren Allegorien und machen sich einen Spaß daraus, mit Sehgewohnheiten zu brechen. So schicken sie eine zeitgenössische Armee des 18. Jahrhunderts in den nicht sonderlich aussichtsreichen Kampf gegen Panzer und Maschinengewehre oder frieren die Schauspieler in der Szenerie kurzerhand ein. Die Handlung verlagert sich im Verlauf dann schließlich auch in eine moderne Zeit und schafft so den Brückenschlag zum Alltäglichen.
Neben dem naiven Helden Candide, der sich durch seine Leichtgläubigkeit auszeichnet, spielt auch der Sophist und Lehrer, Dr. Panglos, eine bedeutende Rolle. Als Vertreter der Sophistik ist er vor allem ein großer Rhetoriker. Gerade in dieser Schlüsselfunktion liegt eine subtile Gesellschaftskritik. Die Sophisten der antiken Poleis (Stadtstaaten um ca. 450 v. Chr.) hatten schließlich in der vordemokratischen Phase einen Bildungsauftrag gegenüber den wohlhabenden Aristokraten. Neben Naturwissenschaften bestand das Rüstzeug, das sie dem Adel gegen Bezahlung zur Verfügung stellten, vor allem aus der Rhetorik. Nachdem der Aeropag (politische Instanz der Adligen und Geistlichen) weitestgehend entmachtet und politische Prozesse hin zur Demokratie in die Ekklesia (Volksversammlung) verlagert wurden, war die Kunst, das eigene Denken dem Volk zu vermitteln und es zu überzeugen, von höchster Wichtigkeit. 
Sophisten wie Protagoras - der im gleichnamigen Dialog von Platon als das Problem von Demokratie benannt wurde - waren demzufolge keine ehrenwerten Personen, weil sie durch ihre Scheinargumente zum Werkzeug von Demagogie werden konnten. Auf den Punkt gebracht konnten sie einen kranken Menschen von einer völlig sinnlosen und letalen Medikation überzeugen, weil sie im Rededuell mit einem echten Arzt die Oberhand behielten. In "Mondo Candido" versucht der Sophist, das optimistische Weltbild aufrechtzuerhalten, indem er immer wieder absurde Trugschlüsse über die Realität anstellt oder fragwürdige banale Kausalzusammenhänge proklamiert.
Aber auch etliche andere Sequenzen laden dazu ein, sich Gedanken über Sinn und Grund des Dargestellten zu machen. Alle zu erfassen, ist vermutlich unmöglich und mit jeder Sichtung tauchen neue Blickwinkel auf, die Bezüge zur Moderne möglich machen. Mir ist zum Beispiel immer noch schleierhaft, was die teilweise grotesken sexuellen Handlungen für Erklärungsmuster verbergen, aber sie passen, und das steht eigentlich außer Frage, perfekt zum dargebotenen Sujet
Versucht man den Streifen in ein Genre einzuordnen, wird man wohl vollends verzweifeln, weil sich "Mondo Candido" jeder Trennschärfe verweigert. Die komödiantischen Momente erinnern an Monty-Python-Filme, während man aber auch etliche Elemente aus russischen Märchen wiederfindet. Arbeiten von Terry Gilliam kommen einem allerdings auch in den Sinn. Man sieht, ein hoffnungsloses Unterfangen. Mal Arthouse, mal Exploitation, mal intellektuell, mal stumpf, mal Sex, mal Gewalt, mal philosophisch tiefgründig.
Musikalisch ist der Streifen ebenfalls bemerkenswert und weiß mit herrlichen Klängen von Riz Ortolani zu gefallen. Die klassischen Töne finden in vielen Szenen einen absurden Gegensatz zum eigentlichen Geschehen und sind wirklich gelungen eingesetzt.
Was wesentlich leichter fällt, ist die Beurteilung der Austtattung der DVD. Optisch und verpackungstechnisch hält man dem eingeschlagenen Pfad der Italian Genre Cinema Collection die Treue und hat einen hübschen Schuber mit Digipack drin parat. Im Booklet findet man dieses Mal jedoch keinen direkten Essay zum Film, sondern einen Einblick in die Begegnungen von Federico Caddeo mit den Regisseuren Jacopetti und Gualtiero. Die Gedanken sind absolut lesenswert und eine nette Abwechslung. Bei der Ausstattung hat Camera Obscura sich wirklich nicht lumpen lassen und sogar ein zweiter Datenträger war notwendig, um die geballte Ladung an Features zu uns nach Hause zu bringen. 
Auf der ersten Scheibe befindet sich ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und Christian Keßler. Die beiden laufen zu absoluter Hochform auf, da sie sowohl den filmhistorischen Kontext beleuchten, als auch auf die philosophischen Denkschulen eingehen. Dass der Film, statt der sonst üblichen 70 Minuten von Monsterfilmen, satte 107 Minuten dauert, gibt noch mehr Möglichkeit, über die Themenfelder ausführlich zu berichten. Aber dieser in fast epischer Länge vorhandene Audiokommentar ist nicht der einzige Superlativ. Satte 300 Minuten Bonus in 4 Dokumentationen (in Zusammenarbeit mit Freak-O-Rama) latzen uns die Kollegen vor die Glubscher. 
Ein fettes Paket, das jeden glücklich macht. Darin kommen die Regisseure wortreich vor und erzählen aus ihren ereignisreichen Leben, aber auch Make-Up-Artist Pier Antonio Mecacci oder Federico Caddeo treten vor die Kamera und berichten uns über "Mondo Candido" und Voltaire.
Alle Extras sind deutsch und englisch untertitelt, sodass die Veröffentlichung auch für das englischsprachige Publikum zugänglich ist. Dass das Konzept zieht, beweist der Podcast von The Gentlemen's Guide To Midnite Cinema, die sich in ihrer Nummer #139 vokal über u.a. "Virgins Of The Seven Seas" (1974) äußern. Der Podcast ist übrigens auch sehr empfehlenswert.
Die Menus sind schlicht, funktional und schön. Wer sich diese Veröffentlichung entgehen lässt, ist wirklich selbst Schuld. Ich hatte nach dem Urlaub viel Spaß damit und bin unendlich dankbar über die tolle Umsetzung. Ohne Camera Obscura wäre ich vermutlich nie auf dieses Teil aufmerksam geworden und selbst wenn, hätte ich es wegen der offensichtlichen Unzugänglichkeit gemieden. Die intensive Auseinandersetzung hat sich gelohnt, ich kann jedoch auch jeden verstehen, der dieser Art von Streifen nichts abverlangen kann. Eigentlich gehöre nämlich auch ich zu dieser Sorte. "Mondo Candido" polarisiert, aber unterhält in jedem Fall. 
Wirklich toll!

Kommentare:

  1. Mit den Kommentaren kesselt das Ganze natürlich noch mal auf ganz anderer Ebene...Kessler und Stigge...let them entertain you!

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  2. Schönes Review zu einem überragenden Film!

    Nur eine kleine Anmerkung: Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass der Film sich nah an die Buchvorlage hält. Der Anfang ist relativ gleich, aber spätestens ab der Szene in der Candide seine Kunigunde das erste Mal in ihrem Gemach wiederfindet, brechen Buch und Film komplett auseinander.

    Dennoch finde ich wurde der Geist des Buches perfekt getroffen und in die gegenwärtige Zeit übertragen.

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  3. Ja, da hast du Recht. Ich habe mich etwas unglücklich ausgedrückt ;) Mit vorlagengetreu meinte ich, dass der Anfang sich ja sehr, sehr nah an das Werk hält. Danach geht es ja los mit den surrealistischen Elementen, den Anachronismen etc.
    Der rote Faden bleibt sozusagen vorhanden.

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