Donnerstag, 1. März 2012

Die Farbe (2010)

Meine Begeisterung für den Independentfilm hielt sich schon immer in Grenzen und mit dem deutschen Film konnte ich außer den Ausflügen in den Kriminalfilm (Edgar Wallace) bzw. den frühen Stummfilmen von Fritz Lang oder Friedrich Murnau nie wirklich etwas anfangen. Die deutsche Filmlandschaft scheint mir für den Genrefilm nicht besonders geeignet und ich kann es absolut nicht verstehen, weshalb fast alle Anrainerstaaten großartige Produktionen auf die Beine stellen und hier nur Tatort, Bully und Til Schweiger stattfindet. 
Aber ich liebe H.P. Lovecraft und bin durch einen Zufall auf dieses Projekt, das eigentlich eine Abschlussarbeit an einer Filmhochschule werden sollte, gestoßen. Tja, und wie soll es anders sein, meine Skepsis wich schnell Begeisterung!
"Die Farbe" (2010) baut auf der Kurzgeschichte "The Colour Out of Space" von Lovecraft auf, allerdings sind Handlungsort und -zeit etwas verändert und auch sonst hielten sich die jungen Filmemacher nicht sklavisch an die Vorlage. Was sich im Nachhinein betrachtet als sinnvoll herausgestellt hat, da man Literatur dieser Machart einfach nicht direkt ins Visuelle übersetzen kann. Lovecraft verzichtet fast immer in seinen Werken auf die Darstellung expliziter Szenen. Bis auf "Shadow Over Innsmouth" fällt mir auch spontan keine andere seiner weird tales ein, wo sonst derart "actionreich" das Böse geschildert wird. Vielmehr wird auf die Imagination des Lesers gesetzt. In weiten Teilen trifft dies auch auf "Die Farbe" zu, jedoch wurde dem Unbekannten, dem Unausprechlichen ein vages Antlitz verliehen.
Die Einbettung in eine Rahmenhandlung, wie schon bei der Vorlage, erweist sich als durchaus geschickt, sodass sich die Geschichte auf mehreren Ebenen entfalten kann.
Wir befinden uns mitten in den 70er-Jahren. Ein junger Amerikaner ist auf der Suche nach seinem Vater. Dieser kehrte plötzlich an seine deutsche Wirkungsstätte im Zweiten Weltkrieg zurück. Angekommen im Dorf, trifft der Bursche auf jemanden, der mit seinem Vater zu tun hatte und ihm über die sonderbaren Ereignisse vergangener Tage berichten kann.
Wie auch in Lovecrafts Erzählung stürzt ein Objekt vom Himmel und gibt den Bewohnern des verschlafenen Dorfes Rätsel auf. Die Herren Professoren der Universität zerbrechen sich ebenso vergebens den Kopf über das fremdartige Gestein.
Die Umgebung verändert sich und auch die dort lebenden Menschen verändern sich.
Mehr soll von der durchaus spannenden, jedoch sehr ruhig und gelassen erzählten Handlung nicht verraten werden.
Wie ist nun dieser Independentstreifen umgesetzt? Die erste erfreuliche Nachricht ist: in HD. Es wurde mit einer modifizierten HD-Kamera gedreht, die nicht wie bei den meisten anderen ein TV-Bild, sondern echtes Filmbild erzeugt. Zudem ist der gesamte Film in Schwarz/Weiß gehalten, was, wie wir bei den jüngst verliehenen Oscars bemerkt haben, ganz salonfähig sein kann!
Einer Lovecraft-Erzählung verleiht dies natürlich ein wunderbares Retrogefühl und da ein großer Teil der Handlung auch vor dem Zweiten Weltkrieg spielt, passt es perfekt.
Die Filmmusik wirkt komplett professionell, ist stellenweise jedoch etwas zu laut im Vergleich zum gesprochenen Wort der Darsteller. Diese muss man in einigen Szenen doch etwas hochziehen, um den genauen Wortlaut zu verstehen. Trotzdem wird die musikalische Untermalung sparsam und dosiert eingesetzt. Es gibt etliche Momente, wo absolute Stille herrscht und sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das Schauspiel richtet.
Das ist über weite Strecken ebenfalls sehr professionell. Die Hauptcharaktere können alle überzeugen, nur bei ein bis zwei Darstellern älteren Semesters, die jedoch nur sehr kurz auftreten, ist es nicht ganz so gelungen. Aber mei, sei's drum.
Ausgestattet ist der Film hervorragend. Man hat wohl auf einem Denkmalshof gedreht, auf dem etliche Häuser restauriert wurden und somit eine wunderbare Kulisse bieten. Was man nicht hatte, wurde digital eingefügt und das sieht man nicht immer auf den ersten Blick. Ein Taxi, das zu Beginn durch einen Wald fährt, das "Unbekannte" oder auch eine unheimliche Sterbeszene, entstanden am Computer. Natürlich hat das nicht die "Transformers"-Qualität, aber dadurch, dass es nicht bis zum Erbrechen eingesetzt wurde, fügt es sich wunderbar in den Schwarz/Weiß-Look ein. Klar, an einigen Stellen sieht man, dass der Hintergrund animiert ist. Bei vielen Einstellungen, wo z.B. Kirchtürme hinzugefügt wurden, sieht man es aber wirklich überhaupt nicht! 
Die Kameraführung und auch der Schnitt sind teilweise sehr raffiniert und tragen wesentlich dazu bei, dass wir es hier mit einem sehr kurzweiligen Film zu tun haben. Lovecraft-Verfilmungen haben es ja generell schwer und mir fällt auch kein Beispiel für eine gelunge Umsetzung ein, mal von den verschiedenen Hörspielversuchen abgesehen, wo das eine oder andere gute Beispiel vorhanden ist. Trotzdem schaffen es Huan Vu und Jan Roth  hier, eine wirklich liebevolle und bemerkenswerte Umsetzung zu erschaffen.
Wen der Text neugierig gemacht hat, der sollte schleunigst auf die informative Seite des Films gehen und sich den Trailer anschauen oder das direkt hier tun:
Im Shop kann man sich dann auch die verschiedenen Editionen aussuchen. Von der Blu-Ray über eine DVD bis hin zu Paketen mit der gedruckten Lovecraft-Geschichte mit Poster und Shirt ist alles dabei, was das Herz begehrt. Die Blu-Ray selbst hat ein sehr gutes Bild, das nur in manchen Szenen etwas schwächelt. Bei manchen besonders dunklen Sequenzen sieht man vereinzelte Staubkörner. Aber wie man in den Extras erfährt, wurde auch hier Hand angelegt, damit sich diese in Grenzen halten. Überhaupt kann ich die Extras sehr empfehlen. Hier gibt es neben erweiterten Szenen auch Trailer und  Features zur Entstehung des Films. Aus dem Off werden die Drehtage beleuchtet und man bekommt einen sehr guten Eindruck über den Aufwand. Ebenfalls vorhanden ist ein Extra mit den Spezialeffekten, die für den einen oder anderen Aha-Effekt sorgen sollten.
Wer also Lovecraft liebt und etwas für unheimliche, aber ästhetische Filme übrig hat und das eine oder andere Auge hinsichtlich der Umsetzung durch ein begrenztes Budget zudrücken kann, der sollte hier nicht Nein sagen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich den Schritt gewagt und mir endlich dieses Kleinod nach Hause geholt habe. 
Die Lovecraft-Geschichte selbst kann man natürlich auch kostenlos und legal (auf Englisch) im Internet lesen.

Kommentare:

  1. Schöner Tipp, danke! Ja, es gibt nicht genügend gute Lovecraft-Verfilmungen.

    Übrigens hatte das Lovecraft-Fan-Film-Projekt von Sascha Renninger "Shadow of the Unnamable" (http://www.the-unnamable.com/) ja bereits vor einiger Zeit Premiere und hat mittlerweile echt gute Kritiken und den "Best Short Lovecraft Adaptation 2011" auf dem H.P. Lovecraft Film Festival eingefahren. Jetzt am 23.03. gibt's in Würzburg auf dem 38. Interantionalen Filmwochenende noch ein Special-Screening.

    Vielleicht laden wir uns den Herrn mal als Nachgang zu unserer Lovecraft-Folge in den Podcast ein.

    Cthulhuide Grüße,
    crM

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  2. Mensch, den hatte ich schon wieder gar nicht mehr auf dem Schirm!
    Muss mich mal für die DVD eintragen.
    http://www.collaborativerockers.de/2011/09/folge-xiii-cthulhus-erbe-cr013/
    Absolut genial - von Shogothen und Shogetten ;)
    Macht das auf jeden Fall!

    Cheers!

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  3. Jawohl, uns gibt es noch ;-)

    Und "Shadow of the Unnamable" geht seit 2011 fleißig von Festival zu Festival. Empfehlt uns gerne weiter, besucht die Aufführungen und schaut unseren Trailer auf youtube an. Und wenn ihr Vorschläge habt, wo wir den Film noch zeigen könnten, zögert nicht, uns zu kontaktieren. Da wir wahre Untergrundfilmer sind, organisieren wir das alles noch ohne großes Produktionsbüro und übersehen vielleicht eine schöne Gelegenheit.

    Wir haben uns zum Ziel gesetzt, baldmöglichst einen Begleitfilm für "Shadow of the Unnamable" zu drehen. Auch Lovecraft, Geschichte muß vorerst noch ungenannt bleiben ;-)

    Viele Grüße

    Sascha

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