Donnerstag, 22. März 2012

Nosferatu im Kieler Studio-Filmtheater

Welch seltene Ehre wird diesem Meisterwerk in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zuteil. "Nosferatu" (1922) 90 Jahre nach seiner Erstaufführung in Berlin noch einmal auf Großleinwand erleben zu können, das ist natürlich ein ganz besonderes Ereignis, dem man sich als geneigter Filmconnaisseur phantastischer Prägung nicht entziehen kann. Aber nicht nur der Film wurde aufgeführt. Um für die nötige Authentizität zu sorgen, engagierte das Kieler Studio-Filmtheater ein musikalisches Quartett bestehend aus dem Pianisten Dr. Werner Loll, Volker Linde an den elektronischen Saiteninstrumenten, Peter Weise am Schlagzeug und Ralf Lentschat am Blasgerät. Wie unschwer zu erkennen sein sollte, wird man damit nicht die ursprüngliche Begleitmusik vertonen können. Ich wüsste jedenfalls nicht, dass sie damals schon Stromgitarren hatten. Ist aber egal, weil die  vier auf zum Teil Eigenkomponiertes, aber auch Klassisches zurückgriffen und um es vorweg zu nehmen: das hat wunderbar funktioniert.
Wie immer bei Veranstaltungen gab es einleitende Worte vom Team des Kinos, dieses Mal in schwarze Zylinder und Umhänge gehüllt. Überraschenderweise war der Saal fast vollständig gefüllt und einige dürften hier zum ersten Mal mit einem Stummfilm konfrontiert worden sein. Gezeigt wurde die von Luciano Berriatúa und der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung rekonstruierte und restaurierte Fassung. Damit handelt es sich um die Version, die auch bei uns von Universum Film mit einer DVD-Auswertung gewürdigt wurde. 
Die viragierte Version wirkt auf Großleinwand einfach noch phantastischer und in Kombination mit der Livemusik, war es einfach wunderbar, diesen Klassiker noch einmal bewundern zu dürfen. Besonders die musikalische Untermalung der Szenen mit dem Wettlauf des Seuchenschiffes und Hutter war sehr gut. Mit dem Schlagzeug wurden einige Sequenzen gar hörspielartig unterlegt und die Stromgitarre entpuppte sich als nostalgisch und progressives Versatzstück zugleich. 
Zum Film selbst muss ich sicherlich keine Worte mehr verlieren. Ein Meisterwerk und Wegbereiter des phantastischen Films. Murnau ist einfach ein Großmeister seines Faches und es ist mehr als bedauerlich, dass über neun seiner Filme als verschollen gelten, bzw. nur fragmentarisch erhalten sind.
Überhaupt kann es den Veranstaltern nicht hoch genug angerechnet werden, so einen doch eher riskanten Streifen aufzuführen und wie man den Aussagen entnehmen kann, wird dies wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass im Studio-Filmtheater ein Stummfilm lief.
Einzig ärgerlich war das viele Gelächter im Publikum. Offensichtlich waren einige mit dem Stummfilm, und dem damit inhärent expressiven Schauspiel der Darsteller, überfordert. Max Schreck als Nosferatu ist nicht witzig! Das ist ein verdammter Horrorfilm, auch wenn die antik wirkenden Effekte mit den konventiellen 0815-Sehgewohnheiten des normalen Kinogängers brechen. Ein bisschen mehr Respekt wäre da doch angebracht. Aber seis drum, mit den gekauften Kinokarten werden solche Veranstaltungen zumindest am Leben erhalten und dann muss man dümmliches Gelächter einfach ertragen. Leute lachen schließlich auch über Mario Barth. Zum Glück war die Akustik der Livemusik hinreichend laut, dass man nicht allzu oft das Gekicher wahr nahm.
Der einzige Feind des Filmnerds im Kino ist und bleibt der Mensch ;-)
Trotzdem war der Abend sehr gelungen, die 12€ waren nicht fehlinvenstiert und ein kurzer Plausch mit Peter Weise war auch noch drin.
Schöne Sache und wer beim Lesen Bock auf Stummfilme bekommen hat, der möge sich den dritten Podcast anhören, in dem ich neben "Nosferatu" auch über "Die Reise zum Mond" (1902), "Häxan" (1921) und "Körkarlen" (1921) rede.

1 Kommentar:

  1. Allerdings - ich war auch anwesend und schon Monate zuvor in einem Nebel aus freudiger Erwartug.
    Ich fand es aber etwas bedauerlich, dass auf die originalen Stücke verzichtet wurde; obwohl dies sicher seinen Grund gehabt hat. Das ein oder andere Intermezzo erschien mir nämlich ein wenig unpassend.
    Was das Publikum angeht, stimme ich voll und ganz zu - jedoch überwog die Freude über den quasi ausverkauften Saal.

    AntwortenLöschen